Nationalcharakter

Wo gibt es schon ein Volk, das seinen Namen mit einem Ungeziefer teilt? Gibts: Wir Schwaben. Wir nennen nämlich eine Küchenschabe ohne Wimpernzucken „Schwoba“ – also „Schwabe„. Wenn bei uns also jemand sagt: „I han Schwoba em Haus“, dann meint er nicht seine menschlichen Mitbewohner. Nein, er meint dieses Krabbelzeugs, das ansonsten mit „Kakerlake“ bezeichnet wird. Man sieht, wir Schwaben haben schon ein gewisses Maß an Selbstironie.

„Wenn no älle Leit so waret wi-n-ih“ pfelgt der Schwabe zu sagen, um nach kurzer Pause verschmitzt anzufügen: „…sei sott“ (sein sollte). Die ursprüngliche Aussage wird durch den Zusatz geradezu in das Gegenteil verkehrt. Denn man gesteht ein, dass man nicht perfekt ist und es daher auch nicht von anderen erwarten darf.

Wir Schwaben sind humorvoller, als man uns oftmals zugesteht; nur ist unser Humor hintersinniger. Als Beispiel stelle man sich folgendes vor: Ein Heimwerker versucht eine Schraube anzuziehen und da er meint, die wäre noch nicht fest genug, zieht er sie Schraube weiter an; bis diese schließlich abreißt. Man erwartet eigentlich, dass der Schwabe jetzt „granatenmäßig fluchen“ würde. Nein, er sagt nur: „Etz hemmr’s nobrocht…“ (jetzt haben wir es hinbekommen) und ergänzt nach einer kleinen Pause: „s‘ Fiedle an Schleifschtoi“ (den Hintern an den Schleifstein). Diese Art, ein Missgeschick zu kommentieren, ist typisch schwäbisch. Der erste Satzteil erweckt den Anschein, dass die Aktion geglückt sei, bevor der zweite Satzteil klar macht, dass das in die Hose gegangen ist; man das aber ganz locker sieht – passiert ist passiert.

Ähnlich reagieren wir Schwaben, wenn wir uns beim absägen einer Latte etc. „versägt“ haben und das gute Stück danach zu kurz ist: „Zwoimol abgsägt – ond emmer no z’kurz“ (zwei mal abgesägt und immer noch zu kurz).

Wenn wir Schwaben etwas gar nicht leiden können, ist es Großspurigkeit, Aufgeblasenheit und Besserwisserei.

Wenn jemand so auftritt, dann sagen wir: „Der kommt daher wia zwea nackede Neger“ (hat natürlich nichts mit Negern zu tun). Wenn also ein eingebildeter Mensch auftritt mit dem Satz: „Herr, was bin ich, was kann ich noch werden“ – also das Maul aufreißt, so hat es derjenige bei uns Schwaben schon „verschissen“. Wir Schwaben können sehr direkt sein, was uns oft als Grobheit ausgelegt wird. Aber gackern, ohne Eier zu legen, das zählt bei uns nicht. Ein Mensch soll beweisen, was er drauf hat – und sich ansonsten zurückhalten.

Man behauptet von uns Schwaben, wir seinen sparsam, ja sogar knausrig – die Schwaben seien die besseren Schotten. Man bedenke aber, dass die Sparsamkeit der Schotten daher rührt, dass diese früher sehr arm waren. Und genau so verhält es sich mit den Schwaben. Bis weit hinein in das 19. Jahrhundert waren die Einwohner des Schwabenländles sehr arm. Begünstigt wurde dies durch die Erbteilung, was zu immer kleineren Felder, Äckern, Wiesen führte – bis diese kleinen Stücke schließlich keine Familie mehr ernähren konnten. Das ist der Hauptgrund, weshalb man im Schwarzwald mit der Uhrmacherei anfing, auf der Alb mit der Flachs- und Wollweberei und am Neckar mit dem Maschinenbau, der von den schwäbischen Tüftlern bis zur Perfektion weiterentwickelt wurde. Nicht umsonst haben wir so viele Firmen mit Weltgeltung.

Trotz dieses beachtlichen Erfolges sind die meisten Schwaben biedere, bodenständige Leute geblieben, als die sie traditionell gelten. Wir werden nicht gleich größenwahnsinnig, wenn wir Erfolg haben. Wir halten es für selbstverständlich, dass wir unser Bestes geben ohne viel Aufhebens zu machen. Diese konservative Einstellung hat sich bis heute bewährt.

Nimmt man die Geschichte der „Sieben Schwaben“, so könnte der Eindruck entstehen, Schwaben seien dümmlich und feige. Welch ein Irrtum. Der württembergische Wappenspruch lautet „Furchtlos und trew“ (treu). Tatsache ist, dass die schwäbischen Herzöge und später die Württemberger die Reichssturmfahne führten. Das bedeutete, dass sie immer in vorderster Front standen. Sehr ehrenvoll – leider auch oft tödlich. Man darf wohl annehmen, dass man für diese Aufgabe keine Feiglinge gebrauchen konnte. Und zum Thema „Treue“ ist zu sagen, dass sich die Schwaben oft für aussichtslose Sachen geopfert haben, solange sie der Überzeugung waren, die Sache sei gerecht. Das ist eine Art Idealismus, den nicht viele Völker pflegen.

Nur ein mal im Jahre 1918 haben die Stuttgarter ihre Treue doch verraten (ich bin kein Stuttgarter, darauf lege ich Wert).

furchtlos

Anstatt ihren demokratisch gesinnten und volksnahen König Wilhelm gegen den Pöbel zu schützen, rührten die Stuttgarter keinen Finger, was zur Abdankung unseres letzten Königs führte. Wilhelm hat dies seinen Stuttgartern nie verziehen, er setzte nie wieder einen Fuß in seine geliebte Stadt.

Vielleicht sind wir Schwaben doch nicht anders als andere Leute. Nur verkörpern wir deutsche Tugenden und Untugenden etwas markanter als andere deutsche Stämme. Das dürfte der Grund sein, dass die Schwaben von anderen „Stämmen“ oftmals geachtet, aber auch verleumdet oder verspottet werden.

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