D Kehrwoch

Das Schreckgespenst aller Nichtschwabe, aber auch das vieler Mitschwaben ist die sog. Kehrwoche, die als “kleine Kehrwoche” wöchentlich und als “große Kehrwoche” alle vier Wochen stattfindet.putzfrau

Man sagt uns Schwaben nach, wir hätten einen “Sauberkeitsfimmel” – alles Schwachsinn. Die Kehrwoche hatte immer einen tieferen Sinn und den hat sie heute noch – dazu später.

Der Schwabe ist schließlich keine “Drecksau” (dreckiges Schwein)- er entsorgt fachmännisch den Kericht (Dreck und Müll), den er wie alle anderen hinterläßt. Nur, er hat das schwäbisch perfekt organisiert und verordnet – wobei die Verordnung wieder aufgehoben wurde. “Mir machet onsern Dreck selber weg” – dazu brauchen wir keine Dienstleister, keine Straßenreinigung und sonstige öffentlichen Dienste, die “bloß Geld koschdet” (nur Geld kosten). So halten wir die Gebühren der öffentlichen Hand in Grenzen und das Treppenhaus im Mietshaus sauber.

Unser “Oberschwabe” Gerhard Raff hat die Kehrwoche wie folgt beschrieben:

Entgegen allen blödsinnigen Behauptungen hergelaufener Industrienomaden im mittleren Management südwestdeutscher Weltkonzerne in der Region Mittlerer Neckar ist die Schwäbische Kehrwoche weder eine ortsübliche fundamentalistische Nationalreligion noch Ersatzbefriedigung für frustrierte Putzteufel, sondern eine segensreiche, vom großen Grafen Eberhard im Bart (dem der Vater und der Großvater an der Pest weggestorben waren) gnädigst verfügte, in fünf Jahrhunderten bewährte seuchenhygienische Präventionsmaßnahme nach dem ökologisch wie soziologisch sinnvollen Verursacherprinzip unter strikter Anwendung des basisdemokratischen Rotationsverfahrens.

Und natürlich hat Gerhard Raff absolut recht. Ich gehe noch weiter und behaupte, dass die Kehrwoche ein wahres Kommunikationsinstrument ist. Schließlich trifft sich der Schwabe bei der samstäglichen Kehrwoche auf der Straße, was die zwischenmenschlichen Beziehungen fördert und den Austausch von “Neuigkeiten” erheblich erleichtert. Wir wissen so, was gerade “im Flecken” (im Ort) läuft – sprich, was es an Neuigkeiten “ond Gschwätz”gibt. Weil “mr isch jo ned neugierig, aber wissa däd mr’s scho gern”.

Ich kann mich gut entsinnen, dass das samstägliche “Straßenfegen” in einer wahren nachbarschaftlichen “Bierorgie” endete. Einer hatte angefangen, die Straße zu kehren (des war i), der Nachbar hat das gesehen und ebenfalls den Besen rausgeholt – der nächste lies nicht lange auf sich warten. So kam man in’s Gespräch – und im Endeffekt zur gemeinschaftlichen Hockete “uf am Gardamäuerle” (auf der Gartenmauer). In Anbetracht der sommerlichen Temperaturen holte irgend einer das erste Bier (wieder i). Getreu dem Motto: “Gemeinsamkeit macht stark” war schnell der Zweite mit dem Bier da – und so kam es, dass dann vier oder fünf “Straßenfeger” auf dem “Mäuerle” (der Gartenmauer) meines elterlichen Wohnhauses “hockten” – samt Bierkasten. So hockten da meine Person, mein Vater, dr Kiafer-Kurt, der Weißa-Hanns, dr Legeli-Alois ond no a baar”. Was die Ehefrauen schließlich dazu veranlasste, ebenfalls dieser Spontanhockete mit ein paar Flaschen Schampus “beizutreten”. So hockte im Zuge der samstäglichen Straßenputzede die ganze Nachbarschaft bis in die Nacht auf der elterlichen Gartenmauer – leicht besoffen, aber in gemeinschaftlichem Sinne und in Erfüllung der Kehrwoche.

Die Hockete war perfekt – bis spät in die Nacht. Der Kehrwoche sei Dank.

Fakt ist, dass unsere Vor-/Vor-/Vor- und noch weiter “Fahren” ihren Kehricht schlicht auf die Straße entrichtet haben. Es wurde der Müll auf die Straße geworfen, es wurde sogar auf die Straße geschissen (pfui Teufel). Aber das war halt so in Ermangelung von Müllabfuhr und Co. – jeder warf seinen Müll vor oder hinter das Haus. Dass dies zu den großen Seuchen wie der Pest führen musste, wahr nur logische Folgerung. Und so mußte unser großer Vorfahr “Graf Eberhard im Bart” den Erlass der Kehrwoche schlicht erlassen – die erste seuchenhygienische Präventationsmaßnahme.

Wie wir das heute handhaben, das ist ein anderes Thema. Wenn ich mir allerdings den Müll an den Straßenrändern ansehe, der inzwischen fast überall herumliegt, dann wäre bei vielen wohl eine “Schulung” zur Kehrwoche und zum Thema “Umwelt und Müll” angesagt.